
Störfälle bezeichnen im technischen Diskurs Anomalien im Betriebsablauf mit oftmals weit reichenden Konsequenzen für System und Umwelt. Der Störfall verweist so in paradigmatischer Weise auf das destruktive Moment der Poiesis. Zugleich tragen Störfälle aber auch zur Schaffung neuen Wissens bei, etwa in Form eines risikokalkulierenden Vorsorgeprinzips oder in der wissenschaftstheoretisch formulierten Einsicht in die Notwendigkeit produktiver Fehlgriffe. Störfälle irritieren kulturelle Selbstbeschreibungsformeln ebenso wie sie diese stabilisieren. Störfälle konterkarieren nicht bloß tradierte kulturelle und technische Handlungsabläufe, sondern motivieren im Zuge der Deskription ihres Verlaufs und ihrer Ursachen sowie in der Präskription von Strategien ihrer Vermeidung neue Kulturtechniken.
Indem in der Beobachtung von Störfällen Erfahrung und Erwartung auseinander fallen und Diskontinuitäten schockartig sichtbar werden, eröffnet die Beschäftigung mit Störfällen somit einen reflexiven Blick auf kulturelle Verarbeitungsroutinen und damit auf basale gesellschaftliche Muster etwa einer kulturellen Serialisierung oder eines Zwangs zu Kausalitäten einfordernden Narrativen. In diesem Sinne sind die im Grenzbereich von Normalisierungsprozessen angesiedelten Störfälle prominente Anlässe gesellschaftlicher Selbstthematisierung, anhand derer die Verhältnisse von Ordnung und Unordnung, von systemischen Ein- und Ausschlüssen, von Faktischem und Kontrafaktischem jeweils neu verhandelt werden.
Die Tagung startet mit einem ersten Panel zu „Störfällen der Technik“ am 12. Mai in der Graduate School der Humboldt-Universität zu Berlin. In den nachfolgenden zwei Tagen (13.-14. Mai) beschäftigen sich im ICI Kulturlabor Berlin u.a. Peter André Alt (Berlin), Lorenz Engell (Weimar), Eva Horn (Wien), Karin Knorr-Cetina (Konstanz), Stefan Rieger (Bochum), Urs Stäheli (Hamburg), Joseph Vogl (Berlin/Princeton) und Niels Werber (Siegen) mit der Frage, wie Störfälle im Kontext von Natur, Kultur und Ökonomie zu denken sind.
Ausführliche Informationen und Programm
Veranstalter:
Dr. phil. Lars Koch, Universität Siegen
Prof. Dr. phil. Christer Petersen, Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Zeiten und Orte
12. Mai: Humboldt-Universität zu Berlin, Humboldt Graduate School, Luisenstr. 56
13. und 14. Mai: ICI Berlin, Christinenstr. 18-19, Haus 8
Ein kooperatives Tagungsprojekt der Humboldt Universität zu Berlin, der BTU Cottbus und der Universität Siegen.
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, mit Unterstützung des ICI Kulturlabor Berlin.